Barcarole – Lieder der Gondoliere

by | 25 Apr 2026 | Allgemein, Musik

In seinem farbenreichen und beeidnruckenden Klavierabend Chopin! spielte Shin Hwang zum Abschluss die Barcarolle in Fis-Dur Op. 60 von Frédéric Chopin. Diese virtuose und zugleich zaubrische Musik entführt einen in den Süden. Man atmet die Meeresluft und spürt die wärmende Sonne. Hermann Hesse hat 1903 ein kongeniales Gedicht zu Chopins Meisterwerk verfasst.

 

Die Barcaruola

Die Gondoliere Venedigs sind berühmt für ihre Barcaruole, ihre Schifferlieder. Meist im 6/8-Takt komponiert hört man in ihnen das sanfte Plätschern der Wellen und das gleichmäßige Wiegen des Bootes. Vor allem in der Romantik sind auf der Basis der Gesänge der Gondoliere zahlreiche Gondellieder komponiert worden. Giachino Rossini hat eines dieser Volkslieder unter dem Titel I Gondolieri als hinreißend schönes Quartett mit Klavierbegleitung in Musik gesetzt.

Auch die Barcarole ist ein solches Gondellied. Die berühmtesten Barcarole sind wahrscheinlich die Vertonungen von Frédéric Chopin Op. 60 und Jacques Offenbach aus der Oper „Le Contes des Hoffmann“. Ihrem wiegenden, sehnsuchtsvollen Ausdruck kann man sich nur schwer entziehen.

Die Barcarole von Hermann Hesse

Die Barcarole gehört zu den frühen Werken Hermann Hesses und ist 1903 erschienen. 1901 unternahm er eine mehrwöchige Reise durch Italien, 1902 reiste er bereits ein zweites Mal nach Italien, dieses Mal mit seiner Geliebten und späteren Ehefrau Maria Bernoulli. Zwischen 1901 und 1911 entstanden zahlreiche Gedichte, Texte und Tagebucheintragungen über Venedig, die in verschiedenen Zeitschriften publiziert wurden.
Im Insel-Verlag erschienen diese Texte in der Anthologie mit dem Titel „Lagunenzauber“.

 

Barcarole (1903)

Spiegellichter flackern hin und wieder,
Meine Barke wiegt sich breit und schwer
Über der Lagune auf und nieder,
Laut am Lido singt und schreit das Meer.
Meine Segel sind entschlafen
In der warmen Mittagsglut,
Meine Wünsche sind im Hafen
Und mein Ruder ruht.

Starkes, wunderliches Leben!
Meine Stirn hast du versengt,
Stürme hast du mir gegeben
Und mich aus der Bahn gedrängt.
Trotzig hast du mich im Sturm gefunden,
Spottend sah ich dir ins Angesicht;
Doch dem Zauber deiner Feierstunden,
Deiner Koselieder widersteh ich nicht.

Träumend hängt mein Blick am Himmelsbogen,
Wo ein Wolkenflug sich seewärts schwingt,
Träumend lausch ich auf den Chor der Wogen,
Der mir Frieden in die Seele singt.
Meine Segel sind entschlafen
In der warmen Mittagsglut,
Meine Wünsche sind im Hafen
Und mein Ruder ruht.

Venedig Canale Grande

Venedig Rialto-Brücke

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